DWZ-Anhebung 2026: warum deine Wertungszahl plötzlich höher ist
Zum Stichtag 8. Juni 2026 hat der Deutsche Schachbund alle Wertungszahlen einmalig angehoben. Aus 1500 wurden 1720, aus 1800 wurden 1912, ab 2110 blieb alles unverändert. Du bist dadurch nicht stärker geworden — verändert haben sich vor allem die Abstände zwischen den Spielern, und die sind jetzt wieder realistisch.
Was ist passiert?
Mit der Einführung des neuen Wertungsportals hat der DSB zwei Dinge gleichzeitig getan: Die alte Auswertungssoftware DeWIS wurde nach rund vierzehn Jahren abgelöst, und zum Stichtag 8. Juni 2026 wurden sämtliche Wertungszahlen nach einer festen Formel nach oben umgerechnet.
Das betraf jeden gewerteten Spieler in Deutschland gleichzeitig, ohne dass dafür eine einzige Partie gespielt werden musste. Wer im Juli auf seine Spielerkarte schaute, fand dort eine Zahl vor, die er sich nicht erspielt hatte.
Gleichzeitig trat eine neue Wertungsordnung in Kraft, die das Rechenverfahren gründlich überarbeitet hat. Die Anhebung ist also nur der sichtbarste Teil einer größeren Reform.
Die Umrechnungsformel
Die Umrechnung lief in drei Bereichen ab, abhängig von der bisherigen Zahl:
- alte DWZ bis 1000: alte DWZ + 400
- alte DWZ zwischen 1000 und 2110: 0,64 × alte DWZ + 760
- alte DWZ über 2110: keine Änderung
Die drei Bereiche gehen nahtlos ineinander über: Bei 1000 ergeben beide oberen Regeln 1400, und bei 2110 liefert die mittlere Regel wieder 2110. Die neue Mindest-DWZ liegt bei 1100.
| Alte DWZ | Neue DWZ | Differenz |
|---|---|---|
| 1000 | 1400 | +400 |
| 1200 | 1528 | +328 |
| 1400 | 1656 | +256 |
| 1500 | 1720 | +220 |
| 1800 | 1912 | +112 |
| 2000 | 2040 | +40 |
| 2110 | 2110 | 0 |
Warum wurde angehoben?
Der DSB nennt zwei Gründe, und beide haben nichts mit Kosmetik zu tun.
1. Die Elo-Zahlen waren davongelaufen
Die FIDE hat ihre Elo-Zahlen zum 1. März 2024 aus ganz ähnlichen Gründen deutlich angehoben. Danach passten Elo und DWZ im Bereich unter 2000 nicht mehr zusammen. Das ist kein theoretisches Problem: Spielt jemand mit Elo, aber ohne DWZ, in einem deutschen Turnier mit, wird seine Elo-Zahl als Eingangswert benutzt. Solange die beiden Systeme auseinanderliefen, verzerrte das jede Auswertung. Die DSB-Satzung fordert in Paragraf 49 ohnehin ausdrücklich eine Anpassung an die Elo-Zahlen der FIDE.
2. Die DWZ litt an Deflation
Über Jahre hinweg sind die DWZ-Werte im mittleren Bereich langsam nach unten gedriftet, und zwar ungleichmäßig. Die Folge: Die Differenz zwischen zwei Spielern sagte nicht mehr verlässlich etwas über den tatsächlichen Spielstärkeunterschied aus. Genau darauf beruht aber die gesamte Rechnung, denn aus der Differenz wird die Gewinnerwartung abgeleitet.
Der eigentliche Punkt: die Abstände
Hier wird es interessant, und dieser Teil geht in der Aufregung über die höheren Zahlen meistens unter. Die Anhebung hat nicht alle Zahlen um denselben Betrag verschoben. Sie hat das gesamte Feld zusammengeschoben, und zwar von unten in Richtung 2110.
Der Faktor 0,64 bedeutet nämlich: Jeder Abstand zwischen zwei Spielern schrumpft auf knapp zwei Drittel.
Erwartung des Stärkeren: 76 %
Erwartung des Stärkeren: 68 %
Dieselben zwei Spieler, dieselbe Spielstärke, dieselbe Rangfolge. Aber die Rechnung erwartet vom Stärkeren jetzt deutlich weniger. Und genau das war der Zweck: Die alte Erwartung von 76 Prozent entsprach nicht dem, was am Brett tatsächlich passierte. Die neue tut es.
Für dich heißt das konkret: Gegen einen nominell stärkeren Gegner bringt ein Sieg heute etwas weniger Punkte als früher, eine Niederlage kostet dafür etwas mehr. Wie sich das in deinem nächsten Turnier auswirkt, rechnet dir unser DWZ-Rechner mit den aktuellen Regeln aus.
Bin ich jetzt stärker?
Nein. Deine Spielstärke hat sich an dem Tag nicht um einen Zug verändert. Was sich verändert hat, ist die Skala, auf der sie abgebildet wird.
Berthold Plischke, verantwortlich für die DWZ-Systemkontrolle beim DSB, formuliert es in seiner Handreichung deutlich: Die Frage, was jemand „eigentlich" vorher hatte, sei nach dem Upgrade schlicht die falsche Frage. Es komme allein auf die Differenz an — und die neue sei realistisch, die alte nicht.
Wer trotzdem umrechnen will, etwa um eine alte Rangliste einzuordnen, kann sich mit zwei Faustformeln behelfen:
Die erste gilt für alte Werte zwischen 1000 und 2000, die zweite für neue zwischen 1200 und 2100. Beide sind Näherungen, für die exakte Umrechnung gilt die Formel weiter oben.
Vergleiche über den Stichtag hinweg sind wertlos. Wenn du deine Entwicklung über mehrere Jahre anschaust, springt deine Kurve im Juni 2026 um mehr als hundert Punkte nach oben, ohne dass du dafür etwas getan hast. Dieser Sprung ist kein Fortschritt. Sinnvoll vergleichen lässt sich nur innerhalb einer der beiden Epochen.
Der Zeitplan der Umstellung
Die Umstellung passierte nicht an einem Tag, sondern zog sich über anderthalb Monate. Das erklärt auch, warum viele Spieler im Sommer wochenlang keine Aktualisierung gesehen haben:
- 7. Juni 2026: letzte Turniere im alten SystemTurniere, die bis dahin endeten, wurden noch in DeWIS ausgewertet, sofern sie bis zum 1. Juli eingereicht waren.
- 8. Juni 2026: Stichtag der AnhebungAb hier galten die neuen Zahlen offiziell, auch wenn sie in den Turnierprogrammen noch nicht sichtbar waren.
- 8. Juni bis 22. Juli: eingefrorenIn dieser Zeit wurden keine neuen Wertungszahlen veröffentlicht. Gespielte Partien gingen nicht verloren, sie wurden später nachgetragen.
- 22. Juli 2026: Wertungsportal im EchtbetriebAb jetzt laufen alle Auswertungen über das neue System.
- 25. Juli 2026: öffentliche DWZ-AbfrageSeit diesem Tag liefert die Abfrage auf schachbund.de ihre Daten aus dem Wertungsportal — mit den angehobenen Werten.
Was heißt das für Turniere und Ligen?
Hier gibt es eine Unterscheidung, die viele Vereine im ersten Moment falsch machen.
Anzupassen: feste DWZ-Grenzen
Überall dort, wo eine absolute Zahl in einer Ausschreibung oder Ordnung steht, stimmt sie nicht mehr: Turniergruppen, Ratingpreise, Kadergrenzen. Ein Turnier „bis DWZ 1600" ist mit den neuen Zahlen ein völlig anderes Teilnehmerfeld als vorher. Der DSB stellt dafür eine Umrechnungstabelle bereit.
Nicht anzupassen: Abstandsregeln
Regeln vom Typ „wer 200 DWZ-Punkte besser ist, darf nicht hinter dem Schwächeren aufgestellt werden" bleiben, wie sie sind. Solche Regeln wurden geschrieben in der Annahme, dass DWZ-Differenzen echte Spielstärkeunterschiede abbilden. Genau das war wegen der Deflation zuletzt nicht mehr der Fall — und ist durch die Anhebung wieder hergestellt. Die Regeln passen jetzt also besser als vorher.
Eine Nebenwirkung, die im Alltag hilft: Weil DWZ und Elo ab etwa 1400 wieder auf demselben Niveau liegen, können Gegner ohne DWZ nun wieder problemlos mit ihrer Elo-Zahl in eine DWZ-Auswertung eingehen. Das war zwischen 2024 und 2026 ein echtes Ärgernis.
Warum alte DWZ-Rechner jetzt falsch rechnen
Eines vorweg, weil es oft durcheinandergeht: Die Gewinnerwartung ist unverändert. Sie hängt allein von der Differenz zwischen zwei Wertungszahlen ab, und diese Formel ist dieselbe geblieben. Wer nur wissen will, welches Ergebnis von ihm erwartet wird, bekommt auch von einem alten Rechner die richtige Antwort.
Falsch wird es einen Schritt später, bei der Frage, wie stark eine Abweichung von dieser Erwartung durchschlägt. Dafür sind zwei Dinge verantwortlich.
Der K-Faktor kommt heute aus einer Tabelle
Die alten Rechner ermitteln einen Entwicklungskoeffizienten aus der Wertungszahl selbst, nach der Formel E = (R0/1000)4 + J, wobei J vom Alter abhängt und für Erwachsene 15 beträgt. Die DWZ-Änderung ergibt sich dann als 800 · (W − We) / (E + n), mit n als Anzahl der Partien.
Die aktuelle Wertungsordnung rechnet anders. Der Entwicklungsfaktor K stammt aus einer Tabelle, die nach Altersstufe und Index gestaffelt ist, und die neue DWZ ist schlicht R0 + K · (W − We). Die Partienzahl kommt darin nicht mehr vor — die Wertungsordnung stellt in Anhang 2.4 ausdrücklich fest, dass der DWZ-Beitrag einer einzelnen Partie nicht mehr davon abhängt, wie viele Partien im Turnier gespielt wurden.
Praktische Folge: Der Fehler eines alten Rechners wächst mit der Turnierlänge. Bei fünf Runden liegt er für einen typischen Erwachsenen bei rund 5 Prozent, bei neun Runden schon bei 16 Prozent, bei elf Runden bei 21 Prozent.
Die alte Formel hängt an der absoluten Zahl
Der zweite Punkt ist der eigentlich tückische. Weil in E die Wertungszahl in der vierten Potenz steckt, ist es keineswegs egal, auf welcher Skala du sie einträgst. Aus 1600 wurde durch die Anhebung 1784 — und allein dadurch steigt E von 22 auf 25, ohne dass sich an dir irgendetwas geändert hätte.
Dazu kommen verschobene Schwellen. Die Dämpfung bei Niederlagen setzte früher unterhalb von DWZ 1300 ein, heute unterhalb von 1600. Wer nach der Anhebung bei 1200 steht, bekommt von einem alten Rechner einen Bremszuschlag, den es so nicht mehr gibt.
| Spieler | Korrekt | Alter Rechner | Abweichung |
|---|---|---|---|
| Erwachsener, DWZ 1784, Index 11 | +28 | +25 | 11 % |
| Erwachsener, DWZ 1720, Index 3 | +44 | +36 | 17 % |
| Erwachsener, DWZ 1200, Niederlagen | −23 | −32 | 37 % |
| Jugendlicher (18), DWZ 1400 | +52 | +62 | 18 % |
Für den etablierten Erwachsenen im mittleren Bereich sind das ein paar Punkte — ärgerlich, aber keine Katastrophe. Richtig auseinander laufen die Werte bei niedrigem Index, bei Jugendlichen und bei Niederlagen im unteren Bereich. Und bei der Erst-DWZ ist der Unterschied am größten, weil die Aufwertung unterhalb von 2000 in dieser Form neu hinzugekommen ist.
Unser Rechner arbeitet nach der Wertungsordnung, die seit dem 2. Halbjahr 2026 gilt, und rechnet ausschließlich mit den angehobenen Zahlen. Du gibst ein, was heute in deiner Spielerkarte steht — mehr nicht.
